Die Lieblingsbücher meines Lieblings-Genres: Memoiren

17.07.2026

Bild der ersten Seite aus Joan Didions "Blaue Stunden"

Ich habe keine gute Antwort auf die Frage, was mein Lieblingsbuch sei. Ich habe aber eine Antwort auf die Frage, was mein Lieblings-Genre ist: Memoiren. Auch wenn ich nie nach meinem Lieblings-Genre gefragt werde, habe ich entschieden, hier eine Liste meiner Lieblingsbücher meines Lieblings-Genres zusammenzustellen.

Aber zuerst, was ist ein Memoir und wieso finde ich das so toll? Ein Memoir ist eigentlich eine Autobiographie, wobei nicht das ganze Leben des Autors oder der Autorin erzählt werden muss. Es kann auch einfach ein bestimmtes Erlebnis beleuchtet oder die persönliche Erfahrung mit einem bestimmten Thema verbunden werden. Ein Memoir muss auch nicht möglichst objektiv sein oder überaus strukturiert. In einem Memoir werden persönliche Erfahrungen meist so erzählt, wie sich der Autor oder die Autorin daran erinnert.
Ich kann wohl nicht genau sagen, wieso ich solche Bücher gerne lese, ich weiss einfach, dass Bücher dieses Genres mir sehr oft gefallen. Vielleicht liegt es daran, dass meist Inhalte zu einem bestimmten Thema in die eigene Geschichte verstrickt werden. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Autor oder die Autorin oft beruflich oder in ihrem Leben eigentlich etwas anderes machen, als Bücher zu schreiben. Es fasziniert mich dann, wenn jemand, der das eigentlich gar nicht als Beruf macht, speziell gut schreiben und eine Geschichte erzählen kann. Ich habe auch das Gefühl, man lernt viel beim Lesen von Memoiren. Ich merke manchmal, dass die unten genannten Bücher mir ein Gefühl für bestimmte Zeiten und Orte gegeben haben und dass ich oft wieder an sie denke. Ich hoffe, dieser Beitrag legt es Ihnen nahe, eines dieser Memoiren selbst zu lesen.

Joan Didion – Blaue Stunden & Das Jahr des magischen Denkens

(engl. Titel: Blue Nights, The Year of Magical Thinking)

Joan Didion war eine berühmte Journalistin und Autorin. Sie spielte eine grosse Rolle in der Entwicklung von „New Journalism“, einem Stil von journalistischer Berichterstattung, der in den 1960er Jahren in den USA aufkam. Wie typisch für „New Journalism“, berichtete sie nicht vermeintlich „neutral“ über Ereignisse, sondern webte auch ihre eigene Anwesenheit in einem Geschehen in die Berichterstattung mit ein. So beobachtete sie nicht nur das Geschehen, sondern auch sich selbst. Ihre Berichterstattung erinnert daher beinahe an soziologische Forschung. Sie nutzte auch stilistische Elemente, die man normalerweise in Romanen findet, wie beispielsweise umfassende Beschreibungen der Umgebung.
Didion hatte einen speziellen Schreibstil. Ihre grösste Inspiration war Ernest Hemingway, bei dem sie die effizienten Sätze bewunderte und die Art, wie er mit wenigen Worten genau das schreiben konnte, was er meinte. Ihre Texte sind oft analytisch und nicht gefühlsorientiert, wodurch sie oft als Autorin mit einem „männlichen“ Schreibstil gesehen wurde. Dadurch, dass sie meist aus einer gewissen Distanz über ihre Gefühle schrieb, wenn sie das denn tat, wirkte sie etwas mysteriös. Auch hat sie stets kontrolliert, was sie über ihr Leben preisgab. Ursprünglich berühmt für ihre Essays, schrieb sie auch Romane und gegen Ende ihres Lebens die beiden Memoiren „Blaue Stunden“ und „Das Jahr des magischen Denkens“ (diese Informationen findet man gut recherchiert im Essay von Kate Jones und in den beiden Memoiren). Für mich ist Joan Didion eine der besten Autorinnen, vor allem wegen diesen beiden Memoirs und auch wegen ihren Essays aus der Sammlung „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben“. Ich lasse mich allerdings auch ein wenig davon beeinflussen, dass sie eine berühmte Journalistin war und ich das in der heutigen Zeit nicht so kenne, dass eine Journalistin beinahe eine Art Promi ist.

Blaue Stunden (2011)

In „Blaue Stunden“, das Joan Didion’s Tochter Quintana Roo Dunne gewidmet ist, geht es um Quintana’s Adoption, Leben und Tod, sowie Didion’s Rolle als Mutter und ihre Trauer als Mutter, die ihr Kind verloren hat. Für mich ist es das beste Buch von Joan Didion. Mir blieb vor allem eine Stelle im Buch, in der Didion beschreibt, wie Quintana schon früh in ihrer Kindheit extreme Stimmungen erlebte. Sie war entweder sehr glücklich oder sehr traurig oder hatte viel Angst. Einmal rief Quintana als 5-jährige bei einer psychiatrischen Klinik an, um zu fragen, was sie tun sollte, wenn sie verrückt werde. Es war die psychiatrische Klinik, die als Inspiration für den Song „Hotel California“ der Eagles diente. Im Buch wird klar, dass Joan Didion sich fragt, ob sie als Mutter gescheitert ist.

„In manchen Breitengraden gibt es vor der Sommersonnenwende und danach eine Zeitspanne, nur wenige Wochen, in der die Dämmerungen lang und blau werden. […] Während der blauen Stunden glaubt man, der Tag wird nie enden. Wenn die Zeit der blauen Stunden sich dem Ende nähert (und das wird sie, sie endet), erlebt man ein Frösteln, eine Vorahnung der Krankheit: das blaue Licht verschwindet, die Tage werden schon kürzer, der Sommer ist vorbei.“

Aus Joan Didion’s Blaue Stunden

Das Jahr des magischen Denkens (2005)

In Das Jahr des magischen Denkens ist Didion mit der Selbstbeobachtung wohl weiter gegangen als in all ihren anderen Werken. In diesem Buch beschreibt sie den Tod ihres Mannes, John Gregory Dunne, ihren gedanklichen Prozess in den Monaten danach und erinnert sich an ihr gemeinsames Leben. Sie ertappt sich selbst, wie sie oft annimmt, ihr Mann würde seine Schuhe noch brauchen, wenn er wieder nachhause käme. Sie beschreibt auch, wie sie durch den Tod ihres Mannes ihren eigenen Fähigkeiten nicht mehr traute und nicht wusste, wie sie weiterleben sollte.

Wir waren beide Schriftsteller und arbeiteten beide zu Hause, und unsere Tage waren angefüllt mit dem Klang unserer Stimmen. Ich war nicht immer überzeugt, dass er recht hatte, auch er war nicht immer überzeugt, dass ich recht hatte, aber wir waren füreinander der Mensch, dem man vertraute. […] Was ich von der Wohnung in jener Nacht erinnere, als ich allein vom New York Krankenhaus nach Hause kam, ist die Stille.

Aus Joan Didion’s Das Jahr des magischen Denkens

Das Buch wurde weit gefeiert und ist eines der berühmtesten Texte von Joan Didion. Ich finde, das hat es auch verdient.

Tara Westover – Befreit (2018)

(engl. Titel: Educated)

Tara Westover stammt aus Idaho aus einer Mormonen-Familie, die sich selbst versucht zu versorgen. Als Kind bereitete sie sich mit ihrer Familie auf das Ende der Welt vor, von dem vor allem ihr Vater durchgehend sprach. Sie wurde nicht in die Schule geschickt und nur zuhause von der Mutter unterrichtet. Später schaffte sie es, an einer Universität angenommen zu werden und bekam so eigentlich erst Zugang zur Welt ausserhalb ihres Glaubens. Das Buch erzählt von ihrer Kindheit, von der Paranoia ihres Vaters und den Dynamiken in der Familie. Ich finde sie schafft es sehr gut zu zeigen, wie es war, in ihrer Familie aufzuwachsen und wie schwierig es später auch war, mit Wissen umzugehen, das ihrem Glauben widersprach. Schliesslich musste sie sich entscheiden, ob sie bei ihrer Familie bleiben will und bedenkenlos das weiter glauben sollte, was die Familie glaubt, oder ob sie ihren eigenen Weg gehen und sich von der Familie trennen soll. Mich hat es beeindruckt, wie sie davon geschrieben hat, dass sie ihre Familie und auch ihren Vater noch immer gern hatte und sich trotzdem von ihnen trennen musste. Auch ihre eigenen Zweifel an dem neuen Wissen von der Universität und dass sie, auch wenn sie dem Gelernten glaubte, noch immer manchmal ihren alten Glauben nicht ganz loslassen konnte.

It was only then that I glanced back and saw Dad, still standing at the checkpoint, watching me walk away […]. I waved and he stepped forward, as if to follow […]. That image of my father will always stay with me: that look on his face, of love and fear and loss. I knew he was afraid. […]
„If you’re in America“, he whispered, „we can come for you. Wherever you are. I’ve got a thousand gallons of fuel buried in the field. I can catch you when The End comes, bring you home, make you safe. But if you cross the ocean…“

Aus Tara Westover’s Educated

Barack Obama – Ein verheissendes Land & Ein amerikanischer Traum: Die Geschichte meiner Familie

(engl. Titel: A Promised Land, Dreams from My Father – A Story of Race and Inheritance)

Ein verheissendes Land (2020)

In diesem Buch beschreibt Obama seinen Weg bis zur Präsidentschaft, vor allem den Wahlkampf, und seine erste Amtszeit als Präsident von 2009-2012. Mich hat in diesem Buch vor allem seine Präsidentschaft interessiert. Obama thematisiert sehr gut das politische Geschehen in dieser Zeit und erklärt auch seine Gedanken und wie er zu welchen Entscheidungen gekommen ist. Es ist aber auch ein „behind the scenes“-Buch über die Präsidentschaft und man erfährt, wie ein Präsident in den USA im Weissen Haus lebt. Es ist ein sehr langes Buch und teilweise fand ich es ein bisschen zu ausführlich, vor allem der Teil vom Wahlkampf ist sehr lang. Man sollte also nicht davon ausgehen, dass das Buch nur von seiner Präsidentschaft handelt. Ich denke aber, man lernt viel über Obama, über das Geschehen in dieser Zeit, beispielsweise die Finanzkrise, und auch darüber, wie die Politik in den USA funktioniert.

„Ein revolutionärer Geist könnte entgegnen, dass es das alles wert gewesen wäre, dass man Eier kaputt schlagen muss, um ein Omelette zuzubereiten. Aber sosehr ich immer gewillt war, mein Leben durcheinanderzubringen, um eine Idee zu verfolgen, wollte ich solche Risiken doch nicht eingehen, wenn dabei das Wohlergehen von Millionen auf dem Spiel stand. […] Ich war ein Reformer mit konservativem Naturell, was allerdings nicht meine Visionen betraf.“

Aus Barack Obama’s Ein verheissendes Land

Ein amerikanischer Traum: Die Geschichte meiner Familie (1995)

Dieses Buch habe ich erst in den letzten Wochen gelesen. Ich finde, es ist die perfekte Ergänzung zu „Ein verheissendes Land“. Ein amerikanischer Traum schrieb Obama, als er der erste afrikanisch-amerikanische Präsident der Harvard Law Review wurde, also vor seiner Präsidentschaft.
Im Buch erzählt er von seiner Kindheit bis zu dem Punkt, als er das Buch schrieb. Sein Vater, der aus Kenia kam, in den USA studierte, dann aber wieder in Kenia lebte, als Obama noch immer ein kleines Kind war, und den er also nie richtig kennengelernt hat, dient als roter Faden in diesem Buch. Obama beschreibt das schöne, mächtige Bild, das er als Kind von seinem Vater hatte, zu einem grossen Teil beeinflusst von den Erzählungen seiner Mutter. Als junger Erwachsener erfährt er per Telefon vom Tod seines Vaters. Durch das Kennenlernen seiner Halbschwester und schliesslich auch der ganzen Familie in Kenia, verändert sich sein Bild von seinem Vater allmählich. Schlussendlich geht das Buch aber vor allem darum, wie Obama versucht, seinen Platz in der Welt zu finden. Ich fand, es ist Obama sehr gut gelungen, die Probleme und die Stimmung der Zeit, die er beschreibt, einzufangen.

„Know where you belong, he [Obama’s father] advised [in a letter]. He made it sound simple, like calling directory assistance. […] Maybe it really was that simple for him. I imagined my father sitting at his desk in Nairobi, a big man in government, with clerks and secretaries bringing him papers to sign, […] a loving wife and children at home, his own father’s village only a day’s drive away. The image made me vaguely angry, and I tried to set it aside […]. The same thoughts kept returning to me, though, as persistent as the beat of my heart. Where did I belong?“

Aus Barack Obama’s Ein amerikanischer Traum

Meine Edition des Buches hat auch noch ein Vorwort von Obama aus 2004. Darin setzt er das Geschriebene in den neuen Kontext aus dem Jahr 2004.

„What I do know is that history returned that day with a vengeance; that, in fact, as Faulkner reminds us, the past is never dead and buried – it isn’t even past. […] I know, I have seen, the desperation and disorder of the powerless: how it twists the lives of children on the streets of Jakarta or Nairobi in much the same way as it does the lives of children on Chicago’s South Side, how narrow the path is for them between humiliation and untrammelled fury, how easily they slip into violence and despair.“

Aus Barack Obama’s Ein amerikanischer Traum, Vorwort 2004

Annie Ernaux – Die Jahre (2008)

„By retrieving the memory of collective memory in an individual memory, she will capture the lived dimension of History“ (Aus Annie Ernaux’s The Years). Die Jahre ist ein faszinierendes Memoir. Annie Ernaux beschreibt eigentlich ihr Leben von ca. 1941 bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Es ist aber nicht eine normale Erzählung ihres Lebens, denn sie erzählt die Geschichte ihres Lebens in der Gesellschaft Frankreichs sehr unpersönlich. Fast so, als wäre es die Geschichte jeder Frau in Frankreich. Persönliche Ereignisse werden zwar auch erzählt, doch ein grosser Fokus liegt eher auf gesellschaftlichen, kulturellen Entwicklungen in Frankreich. Wie sich die Sprache verändert hat oder was man wann gehört oder sich angesehen hat, was man sagen durfte und was nicht, was man sehen durfte und was nicht. Ich muss zugeben, ich habe in diesem Buch vieles nicht verstanden. Viele Nennungen von Personen, politischem Geschehen, bekannten Filmen etc. kannte ich nicht. Ich denke, genau das ist faszinierend an diesem Buch. Am besten versteht man es wohl, wenn man die Zeit selbst durchlebt hat. Ich werde das Buch aber sicher in ein paar Jahren nochmals lesen, um zu sehen, ob ich gewisse Dinge eher kenne. Obwohl ich nicht alles gekannt habe, konnte ich von diesem Buch viel lernen, es gibt einem ein gewisses Gefühl für die Veränderung der Gesellschaft aus Frankreich von Mitte des 20. Jahrhunderts bis Anfang 21. Jahrhundert. Das Buch ist ein wenig, als würde man mit Grosseltern sprechen, die einem genau erzählen, was an welchem Punkt in ihrem Leben cool war. Was ich super finde. Es ist eine Sammlung von verschiedenen Phasen in der Gesellschaft Frankreichs.

„To save
the wine tap at the Carrefour on rue du Parmelan, Annecy
a bar and a jukebox that played Apache at Tally Ho Corner, Finchley
the gaze of a black-and-white cat the moment the needle put her to sleep

To save something from the time where we will never be again.“

Aus Annie Ernaux’s The Years

Es ist auch eine Erinnerung daran, dass vieles, was heute normal ist, nicht schon immer so war. Dass die Gesellschaft und die Sprache zu einem grossen Teil auch beeinflussen kann, was man denkt, wie man es denkt, und was man für richtig und wichtig hält.

„We lived in the profusion of everything, objects, information, and ‚expert opinions‘. No sooner had an event occurred than someone issued a reflection […]. With all the intermingling of concepts, it was increasingly difficult to find a phrase of one’s own, the kind that, when silently repeated, helped one live.“

Aus Annie Ernaux’s The Years